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Sinnkrise am Arbeitsplatz? Warum SINNvolles Führen wichtig ist!

Dr.  Markus Ebner ,  MSc.

Dr.  Markus Ebner ,  MSc.

Organisationspsychologie
Begründer des PERMA-Lead Modells

Ein Schiff ist am sichersten im Hafen. Doch dafür wurde es nicht gebaut. Dieses Sprichwort macht deutlich, dass es einerseits eine sichere und bequeme Art des Lebens gibt und eine, die sich stärker nach dem eigentlichen Sinn ausrichtet.

Speziell in dieser Zeit, in der bedingt durch die Corona-Situation viele Menschen dazu gezwungen wurden, ihr gewohntes (Arbeits-)Umfeld innerhalb kürzester Zeit komplett neu vorzufinden, bekommt die Sinnfrage für viele Menschen wieder eine neue Priorität.

„Etwas zu tun, das größer ist als man selbst, in der Welt einen Beitrag leisten“ nennt das Martin Seligman, der Begründer der Positiven Psychologie.

Es ist der Grund, der Mediziner dazu motiviert, sich bei Ärzte ohne Grenzen zu bewerben, anstatt eine Karriere in einem Krankenhaus anzustreben, oder einen guten Freund von mir rund um seinen 40. Geburtstag dazu bewegte, seinen gut dotierten Job im Management eines großen Unternehmens hinzuwerfen, um sich später in einem schlecht bezahlten, aber sinnstiftenden Job als Sozialarbeiter um die Benachteiligten in der Gesellschaft zu kümmern.

Das entspricht durchaus dem aktuellen Trend: Interessante Tätigkeiten, freundliche und unterstützende Kollegen und etwas für die Gesellschaft tun – das sind laut Studien die wichtigsten Kriterien einer guten Arbeit. Die Bezahlung und die Arbeitsplatzsicherheit sind hingegen erst auf den hinteren Plätzen zu finden. Zahlreiche Forscher sehen diese Entwicklung als Zeichen einer Wende von materialistischen zu postmaterialistischen Werten.

In den nächsten beiden Blogs zeige ich einige spannende wissenschaftliche Erkenntnisse, bei denen es um die Bedeutung von Sinnhaftigkeit im Arbeitsleben geht.

Das Experiment mit der Glücksmaschine

Stellen Sie sich vor, Sie könnten an eine Maschine angeschlossen werden, die Ihnen für den Rest Ihres Lebens jedes Gefühl erzeugt, das Sie sich wünschen. Sie könnten beispielsweise das Gefühl erzeugen, dass Sie gerade ein großartiges Buch schreiben oder einen neuen Freund gewinnen oder jedes andere tolle Gefühl, dass Sie sich wünschen. Die ganze Zeit würden Sie in einem Tank schweben, an Elektroden angeschlossen. Sie könnten jede Erfahrung machen, die Sie sich wünschen, die Maschine ist programmiert mit sämtlichen Lebenserfahrungen anderer Menschen. Und alle zwei Jahre werden Sie von dieser Maschine abgeschlossen und Sie haben kurz Zeit, auszuwählen, welche Emotionen Ihnen in den kommenden zwei Jahren vermittelt werden sollen. Während Sie in diesem Tank schweben, glauben Sie allerdings, dass Sie alles gerade real erleben.

Der ehemalige Harvard-Professor Robert Nozick entwickelte dieses Gedankenexperiment, das als Glücksmaschine oder Erfahrungsmaschine bekannt geworden ist. Klingt eigentlich nach dem, was sich die meisten Menschen theoretisch wünschen würden. Ein Leben, in dem alles geplant ist, alles positiv ist und nur mehr schöne Emotionen auf einen warten. Würden Sie sich an diese Maschine anschließen lassen? Also an eine Maschine, die Sie, zumindest vom Erleben her, direkt ins Paradies katapultiert? Studien kommen zu dem Ergebnis, dass sich tatsächlich nur rund 16 Prozent der befragten Personen an diese Maschine anschließen lassen würden.

Was Gedankenexperimente dieser Art deutlich machen, ist, dass ein Leben, das nur auf Glücksempfinden aufgebaut ist, für die meisten Menschen nicht erstrebenswert ist. Es fehlt etwas Relevantes, nämlich ein „reason why“ für das tägliche Aufstehen, für das, was man aus seinem Leben macht, und letztendlich eine erlebte Sinnhaftigkeit des eigenen Daseins.

Sinnerleben und gesundes Führen

Führungskräfte, die dazu beitragen, dass ihre Mitarbeiter die Arbeit als sinnvoll erleben, leisten einen großen Beitrag zu deren psychischer Gesundheit. Eine Studie der deutschen Technikerkrankenkasse brachte zum Vorschein, dass 4 von 10 Berufstätigen sich oft abgearbeitet und verbraucht fühlen. Die Zahlen in Österreich sind ziemlich ident, und auch in der Schweiz ist es nicht besser, wie die veröffentlichten Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft zeigen. Wie wirkt sich das Erleben von Sinn auf Stress aus? Hier liefert die Forschung den Nachweis für die positive Wirkung von Sinnempfinden: Menschen, die ihre Arbeitstätigkeit als sinnvoll erleben, empfinden weniger Stress dabei, leiden weniger unter den gesundheitlichen Folgeerscheinungen von Stress und haben eine geringere Wahrscheinlichkeit, an einer Depression (bis hin zu Selbstmordgedanken) zu erkranken.

In einer von meinem Team und mir durchgeführten Studie konnten wir einen hochsignifikanten Zusammenhang zwischen Sinnerleben am Arbeitsplatz und Krankenstandstagen finden. Dazu erhoben wir anonym, wie sinnvoll Mitarbeiter in unterschiedlichen Teams ihre Arbeitstätigkeit erleben. Aus diesem Daten berechneten wir für zahlreiche Teams die durchschnittlich erlebte Sinnhaftigkeit. Diese Werte setzen wir dann in Verbindung mit den Krankenständen in den jeweiligen Teams. Das Ergebnis ist eindeutig: In jenen Teams mit einer überdurchschnittlichen Anzahl an Krankenstandstagen pro Jahr ist das Sinnerleben am Arbeitsplatz mit 74% signifikant geringer als in den Teams, wo die Mitglieder ihre Arbeit zu 87% als sinnvoll erleben. Oder anders formuliert: Je mehr Sinnerleben am Arbeitsplatz desto weniger Krankenstandstage.

Sinnorientiertes Führen hat übrigens auch einen immensen Vorteil für die Führungskraft selbst, wie wir in einer weiteren Studie herausgefunden haben: Je mehr eine Führungskraft es als ihre Aufgabe sieht, dass Mitarbeiter ihre Arbeit als sinnvoll erleben, desto höher ist ihre eigene Widerstandsfähigkeit (Resilienz) und desto leichter geht sie selbst mit beruflichen Rückschlägen und Herausforderungen um.

Der Artikel beschreibt ausgewählte und gekürzte Auszüge aus dem Bestseller „Handbuch Positive Leadership“ von Markus Ebner. Das Buch, mit mehr als 600 aktuellen Studienergebnissen, zahlreichen praktischen Tipps, Techniken und Methoden zu Positive Leadership sowie Gastbeiträgen von 10 Unternehmen wie Lidl, IKEA, DM, und anderen gibt es in jeder Buchhandlung und auf AMAZON zum Bestellen: https://www.amazon.de/Positive-Leadership-Erfolgreich-führen-PERMA-Lead/dp/3708916867 Das Buch ist auch in englischer Sprache verfügbar.

Über den/die Autor*in

Dr. Markus Ebner, MSc.

Organisationspsychologie
Begründer des PERMA-Lead Modells

Er unterrichtet an mehreren Universitäten und Fachhochschulen den Schwerpunkt Führung, hat in diesem Bereich zahlreiche Bücher und Publikationen verfasst und verfügt über Zusatzausbildungen in Coaching, Supervision, Krisenintervention, Sozialpädagogik sowie Organisations- und Teamentwicklung. Neben seiner mehr als 20-jährigen Tätigkeit als Trainer, Coach und Berater ist er der Begründer des PERMA-Lead Modells und als einer der namhaften europäischen Experten für Positive Leadership im Board of Directors des Österreichischen Dachverbands für Positive Psychologie. 2021 wurde er für seine Arbeit vom Weltdachverband für Positive Psychologie (IPPA) mit dem „Exemplary Research to Practice Award“ ausgezeichnet.